top of page

Muskelaufbau beim Pferd: Tipps und Übungen für das Training

Kennst du das Problem „mein Pferd baut keine Muskeln auf, obwohl ich doch schon jeden Tag reite“? Dies ist eine Aussage, die mir überraschend oft begegnet. Aber woran liegt das, dass das Pferd keine Muskeln aufbaut, obwohl man doch schon so viel trainiert? Welche Faktoren spielen eigentlich eine Rolle, damit ein Pferd Muskeln aufbauen kann? Eins vorweg: Tägliches Reiten hilft nicht, Muskulatur aufzubauen, sondern bewirkt eher das Gegenteil – nämlich einen Leistungsabfall und im schlimmsten Fall Muskelabbau. Ausgewogenes und gezieltes Training bedeutet nicht, jeden Tag zu reiten und dabei dann auch noch immer dasselbe Programm auf dem Reitplatz abzuspulen.


Sinnvolles Training ist abwechslungsreich, enthält Übungen zum Kraftaufbau, ist sinnvoll strukturiert, zeitlich optimal geplant, orientiert sich am individuellen Leistungsstand des Pferdes und wird kontinuierlich angepasst, um bei steigendem Leistungsniveau weiterhin Effekte zu erzielen.


Muskelaufbau durch abwechslungsreiche Trainingsmethoden


Obwohl der Kreativität beim Pferdetraining kaum Grenzen gesetzt sind und viele ReiterInnen bereits ein buntes Trainingsprogramm aus gymnastizierender Dressurarbeit, Cavaletti- und Springtraining, Bodenarbeit, Doppellonge, Equikinetic und Geländetraining mit ihrem Pferd durchführen, überrascht es mich immer wieder, wie viele ReiterInnen dennoch täglich das Schema F auf dem Reitplatz abspulen. Dass dabei die Trainingseffekte und der Muskelaufbau auf der Strecke bleiben, ist nicht verwunderlich.


Ein starker und gesunder Bewegungsapparat benötigt unterschiedliche Reize, die sich immer wieder an sein wachsendes Leistungsniveau anpassen. Wenn täglich dasselbe „Trainingsprogramm“ durchgeführt wird, lernt der Pferdekörper weder, sich an unterschiedliche Reize anzupassen, noch steigt sein Leistungsniveau. Ein optimaler Trainingsplan beinhaltet einen Mix aus unterschiedlichen Trainingsmethoden wie Dressurarbeit, Longieren, Ausritte, Bodenarbeit etc. Welche Trainingsmethode wann und wie oft durchgeführt werden sollte, hängt individuell von deinem Pferd und deinen Zielen ab.


Muskelaufbau durch die richtigen Übungen und sinnvolle Strukturierung



Menschen bauen Muskeln auf, indem sie Krafttraining mit Gewichten an Geräten, mit Kurz- oder Langhanteln machen. Dabei wählen sie in jeder Übung die Gewichte so, dass sie zu ihrem individuellen Leistungsstand passen, nicht zu leicht sind (dann bliebe der Trainingsreiz aus), aber auch nicht zu schwer, denn dann wäre eine korrekte Übungsausführung nicht mehr möglich. Das Gewicht wird gerade so schwer gewählt, dass es noch sauber bewegt werden kann, aber trotzdem fordernd ist. Die jeweilige Übung wird mit dem individuell passenden Gewicht in mehreren Sätzen (z.B. 3 bis 4) mit einer bestimmten Anzahl an Wiederholungen (z.B. 8 bis 12) nun mehrfach durchgeführt. Zwischen den Sätzen liegt jeweils eine kurze Pause (z.B. von 60-90 Sekunden). Schafft man es, die Übung mit dem aktuellen Gewicht in der gewünschten Satz- und Wiederholungsanzahl auszuführen, sollte eine Steigerung erfolgen. Dies kann geschehen, indem entweder das Gewicht oder die Wiederholungsanzahl oder die Satzanzahl erhöht wird. Ohne diese Steigerung käme es nicht zu weiterem Muskelaufbau.


Wie übertragen wir dies nun auf das Pferd? Schließlich kann man ein Pferd nicht auf die Hantelbank legen und ihm Gewichte in die Hufe drücken. Das ist in der Tat ein Faktor, der das Krafttraining beim Pferd etwas kniffelig macht. Reicht es nun, unser Pferd Runde um Runde in allen Gangarten über den Reitplatz zu schicken? Das käme ja wieder einem Ausdauertraining gleich (z.B. Joggen beim Menschen) und dieses eignet sich nicht zum Muskelaufbau.



Die vielen eintönigen Schritt-, Trab- und Galopprunden auf dem Reitplatz sind es also nicht, die für den Muskelaufbau sorgen. Stattdessen sind es Seitengänge, Tempiwechsel, Übergänge, Stangen und Cavalettis, Rückwärtsrichten, Anhalten und daraus antraben / angaloppieren, Galoppwechsel, Vor- und Hinterhandwendungen und ähnliches, die den Übungen beim Krafttraining des Menschen gleichkommen. Aber all diese Lektionen sollten nicht wahllos nach Lust und Laune ausgeführt, sondern durchdacht eine Trainingseinheit eingebaut werden.

Wähle nicht zu viele Übungen, passe die Anzahl der Wiederholungen an das Leistungsniveau deines Pferdes an und ganz wichtig: Vergiss die Satzpausen nicht! Gönne deinem Pferd nach jedem „Satz“ 60 bis 90 Sekunden eine vollständige Schrittpause am hingegebenen Zügel und verlange in dieser Zeit nichts von ihm. Lass deinem Pferd diesen Moment, um durchzuschnaufen und Kraft zu tanken für die nächsten Sätze und Wiederholungen. Bedenke das auch, wenn eine Übung/Lektion nicht klappt. Wiederhole diese dann nicht bis zur Vergasung nach dem Motto „eine Pause gibt’s erst, wenn mein Pferd das jetzt einmal richtig gemacht hat“. Lege eine maximale Wiederholungszahl für eine Übung fest (z.B. 6-8) und mache danach wirklich eine Satzpause, egal ob die Übungsausführung jetzt schon so geklappt hat, wie du es wolltest. Dein Pferd wird die Übung nicht besser ausführen, wenn ihm langsam die Kräfte schwinden.



Muskelaufbau durch kluge Zeitplanung


Muskeln wachsen nicht über Nacht. Muskelaufbau ist ein langer Prozess, der Wochen, Monate und Jahre in Anspruch nimmt. Erste fühlbare Erfolge stellen sich zwar schon nach wenigen Wochen ein. Muskulatur passt sich schnell an neue Reize an und lernt, effizienter zu arbeiten. Die inter- und intramuskuläre Koordination verbessert sich als erstes, also die effiziente Zusammenarbeit der Muskelfasern und der verschiedenen Muskeln untereinander. Du merkst dann, dass deinem Pferd die Lektionen zunehmend leichter fallen. Es hat bereits an Kraft gewonnen, aber von mehr Muskelmasse ist noch nichts zu sehen. Für sichtbaren Muskelaufbau musst du, je nach Ausgangsvoraussetzung (Körperkonstitution, Leistungsstand, Trainingspensum und -qualität) mehrere Monate bis hin zu einem Jahr kalkulieren. Also habe Geduld.


Fundamental wichtig, aber gern vergessen wird die Regenerationszeit. Muskeln wachsen nicht während der Belastung, sondern in der Pause. Deshalb gilt beim Training auch nicht „viel hilft viel“. Nach jeder Trainingseinheit benötigt die Muskulatur deines Pferdes mindestens 24 bis 72 Stunden Regeneration, um sich zu erholen und sich auf neue Belastungen vorzubereiten. Das hängt jeweils vom Trainingszustand des Pferdes ab. Als Faustregel gilt:


  • 24 Stunden Regenerationszeit für leistungsstarke Sportpferde

  • 48 Stunden Regenerationszeit für das trainierte Freizeitpferd

  • 72 Stunden Regenerationszeit für ein untrainiertes Pferd oder bei Wiedereinstieg nach Trainingspausen


Wenn die nächste Trainingseinheit stattfindet, bevor dieser Regenerationsprozess abgeschlossen ist, sinken das Kraft- und Leistungsniveau und der Muskelaufbau wird gehemmt. Der nächste Trainingsreiz darf allerdings auch nicht zu spät erfolgen, denn dann wird ebenfalls kein Leistungs- und Muskelzuwachs stattfinden. Plane die Trainingswoche deines Pferdes so, dass die nächste Trainingseinheit jeweils in das oben genannte Zeitfenster fällt. Dazwischen, also in die Regenerationszeit, solltest du dein Pferd zwar locker bewegen (z.B. gemütlich spazieren gehen oder ein wenig lockeres Ausdauertraining an der Longe), aber keine Lektionen einbauen, die einen Trainingsreiz setzen würden.


Muskelaufbau durch regelmäßige Anpassung des Trainingsplans



Endlich, es ist vollbracht: Der perfekte Trainingsplan für dein Pferd ist fertig. Du hast alle wichtigen Faktoren berücksichtigt, die Trainingseinheiten optimal strukturiert, die passenden Lektionen für dein Ziel ausgewählt, den richtigen Mix aus Trainingsmethoden gewählt und die bestmögliche Regenerationszeit festgelegt. Dieser kniffeligen Aufgabe musst du dich nun nie wieder stellen… Oder doch…? Doch! Spätestens nach 12 Wochen ist es wieder an der Zeit, den bestehenden Trainingsplan für dein Pferd zu überarbeiten. Schließlich hat es in diesen 12 Wochen idealerweise Kraft und Muskulatur aufgebaut, sodass der aktuelle Plan künftig keine Herausforderung mehr darstellen und somit keinen Wachstumsreiz für seine Muskulatur setzen würden. Das Leistungsniveau deines Pferdes ist nun ein anderes als zu Beginn deines Trainingsplanes. Um weiterhin Trainingsreize setzen zu können, musst du den Trainingsplan deines Pferdes nun überarbeiten und an sein neues Leistungsniveau anpassen. Trainingsplanung für dein Pferd ist also eine Aufgabe, der du dich ungefähr alle drei Monate aufs neue widmen solltest.


Zusammenfassung


Damit dein Pferd überhaupt Muskeln aufbauen kann, müssen folgende Punkte erfüllt sein:

  • Abwechslungsreiches Training

  • Individuell auf den Leistungsstand deines Pferdes angepasstes Training

  • Einbau der richtigen Übungen (= Lektionen) in eine Trainingseinheit

  • Die optimale Wiederholungs- und Satzzahl einer Lektion in einer Trainingseinheit

  • Pausen von mindestens 60-90 Sekunden nach jedem „Satz