Die gesunderhaltende Haltung des Reitpferdes

Einen Reiter zu tragen liegt nicht in der Natur des Pferdes. Ihr Körper ist nur bedingt dafür geeignet, eine Last auf dem Rücken zu tragen. Zumindest, wenn sich ein Pferd unter dem Reiter so bewegt wie es das zum Beispiel im Galopp auf der Weide tut (Kopf hoch, Schweif hoch, Wirbelsäule in der Extension [gestreckt], mit Außenstellung um die Kurve). Übernehmen wir die Körperhaltung, die ein Pferd in der Natur zeigt, auch unter dem Reiter, tun wir dem Bewegungsapparat des Pferdes nichts Gutes. Wir müssen unserem Pferd also beibringen, in welcher Haltung es uns möglichst schadlos (er)tragen kann. Um zu verstehen warum, lohnt sich ein genauerer Blick auf die Anatomie der Pferdewirbelsäule.

Die Haltung des Pferdes in freiem Galopp - so bitte nicht unter dem Reiter
Die Haltung des Pferdes in freiem Galopp - so bitte nicht unter dem Reiter

Anatomie der Pferdewirbelsäule

Die Wirbelsäule des Pferdes: Die Dornfortsätze zeigen erst nach hinten, stehen um den 14. Brustwirbel senkrecht und zeigen dann nach vorne.
Die Wirbelsäule des Pferdes: Die Dornfortsätze zeigen erst nach hinten, stehen um den 14. Brustwirbel senkrecht und zeigen dann nach vorne.

Die Dornfortsätze der Brustwirbelsäule zeigen zunächst nach hinten, stehen im Bereich um den 14. Brustwirbel senkrecht und zeigen dann bis einschließlich zum 6. Lendenwirbel nach vorne. Mit ein wenig Vorstellungskraft wird einem sofort klar, dass ein Absacken der Wirbelsäule (z.B. durch eine zu große Last auf dem Rücken, welche das Pferd nicht stabilisieren kann) dazu führt, dass sich die aufeinander zu zeigenden Dornfortsätze in der Mitte der Wirbelsäule gefährlich nahekommen. Das Pferd hat schon genug damit zu tun, das Gewicht der eigenen Eingeweide (bei einem Großpferd um die 250 kg) gegen die Schwerkraft zu stabilisieren. Kommt nun noch das Reitergewicht oben drauf, kann es schlichtweg zu viel werden.

Die Korrekte Haltung umfasst mehr als nur die Haltung des Kopfes

Wir müssen also unserem Pferd beibringen, in welcher Haltung es das zusätzliche Gewicht auf seinem Rücken am besten tolerieren kann. Die Wirbelsäule des Pferdes soll sich unter dem Reiter aufwölben, wie ein nach oben aufgespannter Brückenbogen. Das entfernt die Dornfortsätze voneinander und bringt die Wirbelgelenke in Divergenz (Auseinandergleiten), was eine größtmögliche Bewegungsfreiheit zur Folge hat. Es geht bei der Haltung unter dem Reiter also um viel mehr als nur um „der Pferdekopf muss runter“.

Rücken aufwölben – wie funktioniert das anatomisch?

Um den Rücken aufzuwölben, sind zwei Körperstrukturen ganz zentral: Das Becken des Pferdes und der Rumpf zwischen den Vorderbeinen.
Mit Hilfe der Kruppenmuskulatur, der geraden und schrägen Bauchmuskulatur und der inneren Lendenmuskulatur kippt das Pferd sein Becken nach hinten ab. Dies wölbt die Lendenwirbelsäule auf und erlaubt es dem Pferd, mit der Hinterhand weit vor unter seinen Körperschwerpunkt zu fußen. Das Abkippen des Beckens nach hinten spannt sozusagen den hinteren Teil des Brückenbogens nach oben auf.

 

Die Rumpfträger (vor allem Brustmuskulatur, untere gesägte Muskeln) und die Oberhalsmuskulatur heben mit Unterstützung der geraden Bauchmuskulatur den Rumpf des Pferdes zwischen den Vorderbeinen an. Der vordere Teil des Brückenbogens, die Brustwirbelsäule, wird dadurch aufgespannt. Durch die Aktivität der Oberhalsmuskulatur wird der Hals frei aus dem Widerrist herausgetragen. Es kommt zur gewünschten nach oben konvexen Oberhalslinie und zur Kopfhaltung mit der Stirn-Nasenlinie an oder vor der Senkrechten bei geöffnetem Ganaschenwinkel. Vorausgesetzt der Reiter zieht den Pferdekopf nicht durch zu starke Handeinwirkung aktiv in die Tiefe.


Eine anatomische Besonderheit sollte man sich bewusst machen: Das Pferd besitzt kein Schlüsselbein. Der Rumpf des Pferdes ist rein durch Muskulatur und Bindegewebe zwischen den Vorderbeinen „aufgehängt“. Wenn diese Muskulatur und das Bindegewebe nun – blöd gesagt – „ausleiern“, sackt der Rumpf des Pferdes vorne ab. Ein Phänomen, das durchaus bekannt ist (Trageerschöpfung). Das Pferd muss sich also mithilfe seiner rumpftragenden Muskulatur ständig selbst stabilisieren. Mit dem Reitergewicht oben drauf wird dies noch anstrengender.

Kriterien der gesunden Haltung

Wie soll die „gesunde Haltung“ des Pferdes unter dem Reiter nun aussehen?

  • Nach hinten abgekipptes Becken
  • Gewölbter Rücken (Brückenbogen nach oben aufgespannt)
  • Angehobener Rumpf zwischen den Vorderbeinen
  • Aus dem Widerrist heraus getragener Hals (Oberhalsmuskulatur!)
  • Bergauftendenz (Kruppe senkt sich, Brustkorb hebt sich)
  • Sirn-Nasenlinie an oder kurz vor der Senkrechten
  • Geöffneter Ganaschenwinkel
  • Genick ist höchster Punkt (Ausnahme: vorwärts-abwärts)
  • Weit unter den Schwerpunkt fußende Hinterhand 
  • Parallelität zwischen Unterarm und Hinterröhre
  • Gleich große Dreiecke zwischen Vorder- und Hinterbeinen
Das zu erreichen ist alles – nur nicht einfach! Und doch stehen wir Reiter tagtäglich vor der Herausforderung, unser Pferd in diese Haltung zu arbeiten – seiner Gesundheit wegen.

Mein Buchtipp zu dem Thema: „Das Pferd in positiver Spannung“ von Stefan Stammer
Die Haltung unter dem Reiter: Aufgewölbte Hals- und Rückenlinie, Brustkorb hebt sich, Becken kippt nach hinten, Kruppe senkt sich, Hinterhand fußt weit unter den Schwerpunkt, Stirn-Nasenlinie an oder knapp vor der Senkrechten
Die Haltung unter dem Reiter: Aufgewölbte Hals- und Rückenlinie, Brustkorb hebt sich, Becken kippt nach hinten, Kruppe senkt sich, Hinterhand fußt weit unter den Schwerpunkt, Stirn-Nasenlinie an oder knapp vor der Senkrechten

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Kommentare: 1
  • #1

    K-H-M (Sonntag, 23 April 2017 21:21)

    Es gibt doch einfach noch zuviel Unwissenheit um den Körperbau des Pferdes und die Auswirkung Reiter auf dem Pferderücken und vielleicht auch zu schwerer Reiter auf dem Pferd. Ich wünsche mir noch mehr Reiter, die sich belehren lassen und das du mit deinen tollen Kursen für ein besseres Bewusstsein sorgen kannst. Ich habe tatsächlich schon viel gelernt und bin immer dankbar für Tipps und Hinweise.

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