Reiten lernt man nur durch reiten?

Oft werde ich belächelt, wenn ich von Pilates für Reiter erzähle. Noch nicht überall ist angekommen, was man denn damit bezwecken kann und was das alles soll. Was ich dann oft zu hören bekomme ist „Reiten lernt man nur durch reiten“. Ich wage mich, hinter diese altbekannte Aussage ein Fragezeichen zu setzen und diese Frage mit „nein“ zu beantworten.

Körperliche Höchstleistungen - in einer Sitzgesellschaft?

Reiten stellt höchste körperliche Anforderungen an denjenigen, der oben drauf sitzt. Ganz egal, ob es sich dabei um einen Freizeitreiter oder einen ambitionierten Turnierreiter handelt. Reiten erfordert Balance, Koordination, Ausdauer, Stabilität und Kraft, aber auch Beweglichkeit. Ganz schön viel auf einmal. Und oft ganz schön viel verlangt von uns. In unserer heutigen Gesellschaft, wo wir alle doch den Großteil des Tages sitzend verbringen, ungesunde Haltungen einnehmen und unser Bewegungsapparat allmählich verkümmert, bringen wir diese Fertigkeiten einfach nicht mehr von Haus aus mit.

 

Es geht schon bei den ganz Kleinen los: Früher kletterten Kinder auf Bäume, spielten draußen, fuhren Rollschuh und waren einfach viel mehr in Bewegung. Heutzutage ist das Smartphone oder Tablet für viele Kinder das attraktivste Spielzeug geworden. Wenn schon nicht mehr die ganz kleinen von Anfang an ihre körperlichen und motorischen Fähigkeiten schulen, kann es bei uns erwachsenen Schreibtisch-Sitzern nicht besser aussehen.

 

Und genauso ist es leider oft. Jemand, der nicht in der Lage ist, stabil auf einem Bein zu stehen, dabei perfekt aufrecht und gerade, und gleichzeitig das andere Bein und / oder beide Arme zu bewegen ohne dabei ins Schwanken zu geraten (probiert es einmal aus!), braucht keine Höchstleistungen auf dem Pferd zu erwarten. Mit Rumpfstabilität, Balance, Körpergefühl und -beherrschung ist es da nicht so weit hergeholt. Es ist erschreckend, welch einfache Übungen am Boden manch einer nicht kann und sich dann an einer hoch komplexen Bewegung wie dem Reiten versucht.

Reiterliche Fähigkeiten verbessern - mit Übungen am Boden

Bevor Reiten im letzten Jahrhundert zu einem Breitensport für jedermann wurde, war es einigen wenigen vorbehalten, z.B. den Soldaten beim Militär. Diese Personen brachten sicherlich eine ganze Menge körperlicher Fitness und damit gute Voraussetzungen für das Reiten mit. In unserer heutigen Zeit, wo Reiten für (fast) jeden möglich geworden ist, setzen sich eben auch diejenigen aufs Pferd, die nicht über die beste körperliche und motorische Ausgangsbasis dafür verfügen. Hiermit möchte ich natürlich niemandem zu nahe treten. Ich möchte nur mit der veralteten Aussage aufräumen, man würde reiten nur durch reiten lernen.

 

Natürlich kann man das Aufnehmen der Pferdebewegung und die „Technik“ (Hilfengebung) nur auf dem Pferderücken lernen. Aber um wirklich gut, fein und gesunderhaltend für Pferd und Reiter reiten zu lernen, schadet es den meisten von uns nicht (mir eingeschlossen), zusätzlich zum Reiten auch am Boden seine reiterlichen Fähigkeiten zu schulen – mit gezielten Übungen für

  • Balance
  • Kraft, vor allem in der Körpermitte (Rumpfstabilität!)
  • Ausdauer
  • Koordination
  • Flexibilität

Erst: Konzentration auf sich selbst - Dann: Konzentration auf das Pferd

Gewisse Dinge können wir unter erschwerten Bedingungen auf dem Pferderücken einfach nicht lernen und gezielt verbessern. Das Pferd bewegt sich, wir wollen es lenken können, wir müssen auf andere Reiter achtgeben, wir erwarten bestimmte Bewegungen und Körperhaltungen vom Pferd… In dieser Situation ist es utopisch (es sei denn, man ist tatsächlich schon Profi der Körperbeherrschung) auf den eigenen Körper zu achten und ihn 100% unter Kontrolle zu haben. Wer spürt schon genau, welche Ausweichbewegungen der eigene Körper beim Reiten in gewissen Situationen macht? Wo und wie wir schief sitzen, versehentlich unserem Pferd falsche Hilfen geben? Das zu fühlen, dazu gehört schon eine Menge Körpergefühl. Das abzustellen, ist die höchste Kunst der Körperbeherrschung. Wer kann von sich behaupten, diese perfekte Körperbeherrschung zu besitzen? Eine einwandfreie Rumpfstabilität, perfekte Balance, feinste Koordinationsfähigkeit, größtmögliche Beweglichkeit? Keine Asymmetrien und Schiefen? Eine ausgeglichene Muskulatur am ganzen Körper, keine Dysbalancen? Diejenigen sind dann im Stadium „weiteres Reiten lernt man nur durch Reiten“ angekommen. Aber bis dahin plädiere ich für Ergänzungstraining am Boden. Meine vielen Kursteilnehmer, die allesamt berichten, dass sich regelmäßiges Pilates-Training stark positiv auf ihren Sitz auswirkt, bestätigen mich in dieser Ansicht.

 

Daher behaupte ich: Bis zu einem gewissen Grad lernt man Reiten nicht nur durch Reiten.


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